80 Jahre auf dem Grund des Zürichsees

Mission erfolgreich! Im Sommer wurde ein neues, über drei Kilometer langes Stromkabel im Zürichsee verlegt und in Betrieb genommen. Ein Projekt mit vielen Unbekannten, das von den Mitarbeitenden der EKZ und ihren Partnerunternehmen viel abverlangte.

Für die Versenkung des Kabels wurde die Autofähre «Meilen» gechartert und mit den notwendigen Maschinen versehen.
Für die Versenkung des Kabels wurde die Autofähre «Meilen» gechartert und mit den notwendigen Maschinen versehen.

1940 legten die EKZ zwei Mittelspan-nungskabel von Wädenswil nach Männe-dorf, um die Region am rechten Zürich-seeufer vom Unterwerk in Wädenswil her mit Strom zu versorgen. Heute, fast 80 Jahre später, werden die alten Leitungen dem gestiegenen Strombedarf und den hohen Anforderungen an die Versor-gungssicherheit nicht mehr gerecht und sind deshalb im August durch eine leistungsfähigere ersetzt worden. Wenn das neue Seekabel dereinst vom Grund des Zürichsees geborgen werden wird, dürfte die Welt anders aussehen als heute. Unsere Energieversorgung wird vielleicht grösstenteils von erneuerbaren Quellen gespeist werden. Bis dahin wird das 16-Kilovolt-Kabel zuverlässig zu einer sicheren Stromversorgung beitragen.

Die Kabel wurden auf Rollen angeliefert. Die Rollen umfassten rund drei Kilometer Kabel.
Die Kabel wurden auf Rollen angeliefert. Die Rollen umfassten rund drei Kilometer Kabel.

«Burglind» deckte Schwachstellen auf

Den Ausschlag für den zügigen Kabel-ersatz im Zürichsee gab das Sturmtief «Burglind» 2018, das die Region rund um Stäfa über mehrere Stunden vom Stromnetz trennte. «Damals zeigte sich, dass das Seekabel, das eigentlich die Absicherung dieser Seegemeinden von der gegenüberliegenden Seeseite her hätte sicherstellen sollen, die heute benötigte Leistung nicht mehr vollständig bringen konnte», erklärt Beat Kropf, Leiter der Netzregion Sihl und Projekt-leiter.

Die Planungs-und Submissionsphase war anspruchsvoll. Schliesslich gehören Seekabelprojekte in der Schweiz nicht zur Tagesordnung. Entsprechend überschaubar sind die Anbieter für Planung, Ausführung und Material. Als die Kabel bestellt und die Unternehmer bestimmt waren, ging es ans konkrete Bauprogramm. Doch was ist zu erwarten auf dem Seegrund? Worauf würde man stossen bei den Bohrungen im Ufer-bereich? Andere Leitungen? Uralten Bauschutt? Relikte von den Pfahlbauern? Wo genau lag das 80-jährige Kabel, das trotz Berechnungen, Echolot und Tauchern nicht restlos lokalisiert werden konnte? Würde die Verlegung des neuen Kabels, mit einer Länge von rund 3400 Meter, tatsächlich an einem einzigen Tag durchführbar sein? Für den Projektleiter Kropf keine einfache Aufgabe.

Ein Stück Kabel als Souvenir

«Zudem war das Interesse am Kabel-ersatz enorm», erklärt er. Bewohnerin-nen und Bewohner der Seegemeinden beobachteten jede Bewegung auf dem See, Ingenieure und andere Interessierte fragten nach einem Stück Kabel als Souvenir, Medienschaffende besuchten die Baustelle auf dem Ponton. Dass die Segler, Ruderer und Badegäste bei den beiden Bauplätzen auf dem Giessen-Areal in Wädenswil und beim Segelclub in Männedorf nicht durch die Bautätig-keit gestört waren, lag einzig am Corona-bedingten Stillstand fast aller Freizeitaktivitäten beim Baustart in diesem Frühling.

So ratterten die beiden Bohrmaschinen, die die Spülbohrungen für die Leerrohre im Uferbereich vornahmen, im Mai fast schon einsam an den besten Lagen direkt am See vor sich hin. In Wädenswil liefen die Bohrungen derart problemlos, dass sogar Projektleiter Kropf zwei Tage vor dem eigentlichen Zeitprogramm plötzlich vor vollendeten Tatsachen stand.

Dagegen kämpfte der Bohrmeister auf der Männedorfer Seite mit unerwarteten Armierungseisen und Felsschichten und musste den Bohrkopf mehr als einmal wegen massiven Verschleisses austau-schen.

Seekabelprojekte gehören in der Schweiz nicht zur Tagesordnung und sind sehr komplex. Entsprechend überschaubar sind die Anbieter für Planung, Ausführung und Material.
Seekabelprojekte gehören in der Schweiz nicht zur Tagesordnung und sind sehr komplex. Entsprechend überschaubar sind die Anbieter für Planung, Ausführung und Material.

Ungewisser Verlauf bei der Bergung

Die Bergung der beiden alten Kabel im Juni, die Arbeit mit den grössten Unbe-kannten, verlief überraschend geschmei-dig. «Wir entschieden uns gemeinsam mit unseren Wasserbauspezialisten von der Willy Stäubli Ing. AG, dass wir die schwierigsten Stellen vorerst auslassen, damit nicht der ganze Bauprozess verzögert würde», erzählt Kropf. So schnitt man dort, wo beispielsweise das EKZ-Kabel unter einer Trinkwasserfas-sung für das Zürcher Oberland verlief, einfach auf beiden Seiten das Kabel durch, versiegelte es und liess das kurze Reststück vorerst liegen, damit die Bergung ansonsten flüssig voranschrei-ten konnte. Unterdessen haben Taucher auch diese Teile geborgen.

Kabelversenken mit der Zürichseefähre

Für die Verlegung – oder besser, Ver-senkung – wurde im August eigens die Zürichseefähre «Meilen» gechartert. Denn für die grossen Gerätschaften, Lastwagen und die vier übergrossen Bobinen mit den Kabeln war ein entspre-chendes Gefährt vonnöten. Um 5 Uhr früh legte das Schiff, das tags zuvor beladen worden war, in Horgen ab und startete in aller Frühe mit dem Abrollen der neuen Kabel, welche fortlaufend, im 10-Meter-Takt zusammen mit einem Glasfaserkabel gebündelt, langsam auf den Seegrund glitten. Das Seekabel wird über die kommenden Jahre wie bereits das alte Kabel im Schlick des Zürichsees verschwinden. Die Rollen mit den gut drei Kilometer Kabel drauf waren um 18 Uhr abgerollt. Das Ziel wurde erreicht und die Kabel waren genügend lang. «Tatsäch-lich war es nicht ganz klar, wie viel Kabel wir genau benötigen würden, da wir ja das Terrain des Seegrunds nicht im Detail kannten und die Verlegung in den Zürichsee ziemlich knifflig ist. Und zu viel Kabel wollten und konnten wir nicht bestellen, da die maximale Länge für ein Kabel an einem Stück erreicht war», gibt Kropf zu bedenken. «Am Schluss hat es aber gut von einer Trafostation zur nächsten gereicht», schmunzelt er. Die Leitung durch den Zürichsee dient fortan der sogenannten redundanten Versor-gung: So beziehen die Bewohner der Region Stäfa im Normalfall Strom vom Unterwerk Stäfa. Fällt dieses aus, kann die Region durch Umschalten unter anderem über das Seekabel von Wädenswil her versorgt werden. ■

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