Gelebte Baukultur: Vom Bahnwärter-zum Ferienhaus

Die SBB trägt Sorge zur Schweizer Baukultur, historische Gebäude werden erhalten und neu genutzt. Jüngstes Beispiel ist das sorgfältig sanierte Wärterhaus im Eggwald an der Gotthard-Bergstrecke. Das Denkmal blickt auf eine bewegte Geschichte zurück und erwacht nun zu neuem Leben.

Blick von der Rorbachbrücke auf die Baustelle im Sommer 2019. Der südliche Anbau von 1909 ist abgebrochen und in Säcke für den Helikopter abgefüllt; das Dach wird neu gedeckt. Im Vordergrund stehen links die Kabelbude und rechts der Holzschopf. (Foto: Jacqueline Häusler)
Blick von der Rorbachbrücke auf die Baustelle im Sommer 2019. Der südliche Anbau von 1909 ist abgebrochen und in Säcke für den Helikopter abgefüllt; das Dach wird neu gedeckt. Im Vordergrund stehen links die Kabelbude und rechts der Holzschopf. (Foto: Jacqueline Häusler)

Die Gotthard-Bergstrecke wurde 1882 eröffnet. Zur Strecke gehören über vierzig Tunnels – darunter die ersten Kehrtunnels in Europa –, mehr als hundert Brücken sowie unzählige Stützmauern und Lawinenschutzbauten. Um diese zu überwachen, wurden im Abstand von etwa 1,2 Kilometer Wärter-häuser errichtet.

Das Wärterhaus Eggwald in den 1960er Jahren mit Kabelbude, Holzschopf, Hühnerund Hasenstall.
Das Wärterhaus Eggwald in den 1960er Jahren mit Kabelbude, Holzschopf, Hühnerund Hasenstall.

Die Wärterhäuser am Gotthard

In den Häusern wohnten Bahnwärter und ihre Familien. Sie hielten das Trassee in Ordnung, beobachteten ihren jeweiligen Streckenabschnitt und meldeten dem Bahnmeister allfällige Schäden und Gefahren. Die meisten Bahnwärter waren bei den SBB als Streckenwärter, Gleis-, Rangier-oder Hilfsarbeiter angestellt. Später machten das Telefon, Maschinen für den Unterhalt der Gleise und Bö-schungen sowie die sogenannte Block-sicherung, die eine Strecke automatisch sperrt, wenn ein Zug unterwegs unge-plant halten muss, die ständige Präsenz der Bahnwärter am Gleis überflüssig. Nach und nach verschwanden die Bahnwärter und die Wärterhäuser wurden verkauft oder standen in der Folge leer. Heute sind an der gesamten Gotthardlinie zwischen Arth-Goldau und Bellinzona noch rund 50 Wärterhäuser erhalten. Das Wärterhaus Eggwald ist das letzte am Gotthard im Besitz der SBB.

Im Herbst 2020 wurden die Bauarbei ten abgeschlossen. Die Fassaden wurden in Anlehnung an die ursprüng lichen Farben gestrichen.
Im Herbst 2020 wurden die Bauarbei ten abgeschlossen. Die Fassaden wurden in Anlehnung an die ursprüng lichen Farben gestrichen.

Historisches Bijou in neuem Kleid

begann bald nach ihrer Gründung 2001, die historischen Bahnbauten an der Gotthardstrecke zu dokumentieren. Dabei entstand die Idee, das Wärterhaus Eggwald zu erhalten, als Baudenkmal zu renovieren und künftig als Ferienhaus zu vermieten. Nach einem eingehenden Vergleich mit den Originalplänen wurde das Haus schliesslich in den Jahren 2019 und 2020 sorgfältig renoviert und in den ursprünglichen Farben gestrichen.

Ab Mai 2021 kann das Wärterhaus Eggwald für Ferien gemietet werden, und der Bahnwanderweg Gottardo führt daran vorbei. In der Kabelbude, in der früher unter anderem das Streckentele-fon stand, erinnert eine kleine Ausstel-lung an die Geschichte des Hauses und die Menschen, die hier lebten.

Im Parterre wurden ein neues Bad und  in der Stube eine Kochzeile eingebaut.
Im Parterre wurden ein neues Bad und in der Stube eine Kochzeile eingebaut.

Baukultur bei den SBB

dass sie ihre Immobilien professionell bewirtschaften. Dazu gehört für die SBB aber nicht nur, ihre Liegenschaften in Schuss zu halten und gezielt zu entwi-ckeln, sondern auch eine verantwor-tungsvoll gelebte Baukultur. Wie bei-spielsweise das Wärterhaus Eggwald. Neben diesem sind auch viele andere kleinere und grössere Bauten der SBB, beispielsweise zahlreiche Bahnhöfe, denkmalgeschützt. Die SBB sind sich deshalb ihrer grossen Verantwortung bezüglich Baukultur bewusst.

Die SBB haben den Bahnhof Genf Cornavin während vier Jahren umge baut und darauf geachtet, dass das Äussere des Bahnhofsgebäudes im ursprünglichen Zustand erhalten bleibt.
Die SBB haben den Bahnhof Genf Cornavin während vier Jahren umge baut und darauf geachtet, dass das Äussere des Bahnhofsgebäudes im ursprünglichen Zustand erhalten bleibt.

So engagieren sich die SBB in der Stiftung «Baukultur Schweiz». Sie pflegt, schützt und belebt ihre identitätsstiften-de historische Bausubstanz. Und sie stellt bei der Entwicklung neuer Quartie-re durch Wettbewerbe und Mitwirkungs-verfahren sicher, dass ihre Projekte städtebaulich, architektonisch und gesellschaftlich ein Gewinn sind. Aktuell sanieren die SBB beispielsweise den Südtrakt im Zürich HB und den Westflü-gel im Bahnhof Basel SBB. Dabei werden diese beeindruckenden historischen Gebäudeteile in enger Abstimmung mit dem Denkmalschutz wieder in ihren Originalzustand zurückversetzt. Rein kommerz-und zweckorientierte Ein-und Umbauten werden rückgebaut; für lange Zeit «verschwundene» historische Bausubstanz wird wieder freigesetzt und für die Kundinnen und Kunden sicht-und erlebbar gemacht.

Nebst den Bahnhöfen gehören auch viele sogenannte Betriebsobjekte – beispiels-weise Industriewerke und Lokdepots in allen Landesteilen – zur historischen identitätsstiftenden Gebäudesubstanz. ■

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