Als Aarau vier Staumauern bekam
Zwei der vier Telli-Gebäudezeilen in Aarau werden in den kommenden Jahren energetisch saniert. Seit die Grossüberbauung 1970 geplant und präsentiert wurde, scheiden sich die Geister an ihr.

Die «Mittlere Telli» in Aarau ist eine jener Schweizer Wohnüberbauungen, die fast jeder kennt. Oder von der zumindest fast jeder schon einmal gehört hat, zumindest gehört hat, in welchem Ton darüber gesprochen wird. Und betrachtet man Fotos der «Mittleren Telli», dann stellt sich dieselbe Art von Déjà-vu-Gefühl ein, wie man es auch vom Lochergut in Zürich, der Webermühle bei Wettingen oder der Cité du Lignon in Vernier kennt. Das kommt nicht von ungefähr. Es sind Seelenverwandte. Letztere diente explizit als bauliches Vorbild für die Telli.
Anders als der ewig lange Gebäuderiegel in Vernier, besteht die Grosswohnsiedlung «Mittlere Telli» in Aarau zur Hauptsache aus vier lang gezogenen, ungefähr in der Mitte geknickten Wohnzeilen von bis zu 250 Meter Länge und 50 Meter Höhe. Ergänzt werden die Wohnschnitze durch ein Bürohochhaus sowie ein Zentrumsgebäude mit Verkaufs- und Gewerbeflächen.
Die Telli liegt rund anderthalb Kilometer nordöstlich der Aarauer Altstadt, unten in der Aare-Ebene im Abschnitt zwischen dem Kraftwerk Rüchlig und der Kläranlage an der Neumattstrasse. Die Lage unten am Fluss hat den Telli-Wohnzeilen den je nach Standpunkt positiv oder negativ konnotierten Spitznamen «Staumauern» beschert.
Der Flurname Telli wiederum reicht weiter zurück, ist seit dem 15. Jahrhundert überliefert. Historische Funde belegen eine bauliche Nutzung des Landstücks, die gar noch deutlich weiter zurückreicht. Bei Bauarbeiten in den 1930er-Jahren stiess man auf das Fundament eines Grossgebäudes. Bei wissenschaftlichen Abklärungen, die erst Ende der 1950er-Jahre durchgeführt wurden, stellte sich heraus, dass es sich um das Fundament einer Kirche aus dem 10. oder 11. Jahrhundert handelte. Das Gotteshaus soll im 13. Jahrhundert bis aufs Fundament abgetragen worden sein, als die heutige Aarauer Stadtkirche in der Altstadt gebaut wurde.
Noch um 1900 war das Gebiet nur dünn besiedelt. Und hatte einen schlechten Ruf. Wie in einer Abhandlung eines Lokalblatts zur Telli zu lesen ist, war das «kaum beachtete Stück Land in Aarau verschrien als feuchtes und abgelegenes Nebelloch». Einige Fabriken seien dort ansässig gewesen, die Spinnerei August Frei, die Kunath Futter und die Jenny Färberei. «Telli-abwärts floss die Aare häufig rot.»
Infrastruktur und erste Siedlungswelle
1946 wurde die Telli an die Aarauer Kanalisation, ans Trinkwassersystem sowie ans Stromnetz angeschlossen. Das war die Grundlage für eine intensivere Besiedlung. Es wurden mehr und mehr Einfamilienhäuser gebaut. Nach der Gründung der Wohnbaugenossenschaft Aarau und Umgebung im Jahr 1947 wurde innert kurzer Zeit die Wohnkolonie Telli realisiert. In den 1950er-Jahren folgten die Wohnblöcke an der Maienzugstrasse.
Zwischen diesen Teilsiedlungen blieb längere Zeit eine Industriezone von rund 200 000 Quadratmeter unbebaut. Ende der 1960er-Jahre umgezont, wurde aus der Fläche im Besitz der Färberei Jenny eine der letzten grösseren Landreserven Aaraus für den Wohnbau. Landbesitzer und Stadt einigten sich in der Folge darauf, auf dem Grundstück eine Satellitenkleinstadt zu realisieren – eine Stadt in der Stadt.
Im Sommer 1970 wurde der entsprechende Gestaltungswettbewerb ausgeschrieben. Ein halbes Jahr später wurde die Eingabe von Hans Marti und Hans Kast als Wettbewerbssieger verkündet. Deren Projekt sah vier lang gestreckte Wohnzeilen und drei Hochhäuser vor. Unter dem Titel «Wohnbebauung für 4500 Einwohner» war in einer Ausgabe von «Bauen + Wohnen» im Jahr 1973 ein knapper Beschrieb mit den wesentlichen Merkmalen von «Telli Mitte» zu lesen: «In vier Ost-West-orientierten Wohneilen, durch Abtreppung aufgelockert, werden ca. 1500 Wohnungen untergebracht. Durch die unterirdische Führung der Quartierstrassen und die unterirdische Autoparkierung wird der Fussgängerbereich vollkommen freigehalten. Ein Einkaufszentrum mit Warenhaus und Spezialgeschäften, das über einen gedeckten Laubengang erreicht wird, und eine Schulanlage sind vorgesehen. Die Konzeption führt nicht zu einer reinen Schlafstadt, denn im Zentrum und im 85 Meter hohen Bürohaus werden Arbeitsplätze zur Verfügung gestellt, sodass auch Arbeiten am Wohnplatz möglich wird.»
«Telli Mitte» wird gebaut
In der ersten Phase von 1972 bis 1974 wurden die erste, westlichste Wohnzeile (A), das Einkaufszentrum sowie das Bürohochhaus realisiert. Unter anderem da die bauleitende Horta AG in der grassierenden Wirtschaftskrise Mitte der 1970er-Jahre Konkurs ging, kam es bei der weiteren Ausführung zu Verzögerungen. Zwischenzeitlich kaufte der Kanton Aargau das bereits realisierte Hochhaus – und nutzt es bis heute als Verwaltungsgebäude. Zwei weitere Telli-Gebäudezeilen (B und C) kamen indes erst in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre hinzu. Mit dem Bau der vierten Wohnzeile (D) fand die Ausführung der «Mittleren Telli» schliesslich (von 1987 bis 1991) ihren Abschluss.
Das Image der über fast zwei Jahrzehnte hinweg gebauten Grosssiedlung war von Anfang an von der Perspektive abhängig. Während viele Bewohner den Dorfcharakter, den Wohnungsstandard, die grüne Umgebung, die Autofreiheit und die gute Anbindung schätzten, galt die Telli für Auswärtige als «Arme-Leute-Quartier», in dem man lieber nicht wohnen wollte. Der Denkmalschutz wiederum hat seinen eigenen Blick: Die Telli steht unter Ensembleschutz.
Jetzt wird saniert
Nachdem an den Telli-Gebäuden in den vergangenen Jahrzehnten die eine oder andere Sanierungs- und Auffrischungsmassnahme getroffen wurde, hat AXA im Jahr 2017 die umfassende Sanierung ihrer beiden Gebäude B und C mit insgesamt 581 Wohnungen angekündigt. In enger Absprache mit Stadtbehörden, Stadtbildkommission, Heimatschutz und Denkmalpflege sollen sämtliche Fassadenelemente der Gebäudehülle sowie Fenster ersetzt werden. Zudem werden die Dächer sowie Decken über den Erdgeschossen neu gedämmt. Gemäss Mitteilung von AXA sollen diese Massnahmen dazu führen, dass der bisherige Wärmeverbrauch um rund die Hälfte reduziert werden kann. Kombiniert mit dem Anschluss ans Fernwärmenetz, sollen künftig jährlich 1000 Tonnen C02 eingespart werden. Darüber hinaus sollen neueste Normen und Standards in Brandsowie Erdbebenschutz umgesetzt werden. Die Grosssanierung läuft in zwei Etappen ab, ohne dass die Hunderten Bewohner ausquartiert werden. Drei Jahre nach der Ankündigung sind die Arbeiten der ersten Sanierungsetappe jüngst angelaufen.
