Kulturwandel im Beschaffungswesen

Die erste Weiterentwicklung des 2022 erstmals publizierten Vergabemonitors ebnet den Weg, um künftig Entwicklungen bei Bund und Kantonen vergleichbar zu machen. Dies kündigt die Dachorganisation Bauenschweiz an.

Die öffentliche Hand beschafft laut Bauenschweiz jährlich Leistungen für mehr als 40 Milliarden Franken. Davon entfallen rund 80% auf Kantone und Gemeinden. So ganz genau weiss das niemand, denn es existiert keine einheitliche Statistik. Unbestritten ist aber, dass das öffentliche Beschaffungswesen aufgrund seines Volumens erheblichen Einfluss auf die Ausgestaltung von Angebot und Nachfrage haben kann.

Vor der Revision betrug der Anteil qualitativer Zuschlagskriterien für alle Bundesvergaben gemäss Bauenschweiz im Mittel 55 Prozent. Seither hat der Anteil um 11,3 auf 61,2 Prozent zugenommen. Im Bild: Eine Baustelle auf dem Gelände der ETH Zürich auf dem Hönggerberg.
Vor der Revision betrug der Anteil qualitativer Zuschlagskriterien für alle Bundesvergaben gemäss Bauenschweiz im Mittel 55 Prozent. Seither hat der Anteil um 11,3 auf 61,2 Prozent zugenommen. Im Bild: Eine Baustelle auf dem Gelände der ETH Zürich auf dem Hönggerberg. (Foto: Massimo Diana)

Die Totalrevision des Beschaffungswesens soll einen Kulturwandel, weg vom alleinigen Preisfokus, hin zu mehr Nachhaltigkeit bereiten. Die Entwicklung entspricht einem internationalen Trend. Ob diese Richtung zielgerichtet, zu schnell oder zu langsam verläuft, in föderalen Systemen engagiert diskutiert. So haben die Kantone in ihrer Interkantonalen Vereinbarung über das öffentliche Beschaffungswesen IVöB, trotz des Anspruchs einer möglichst grossen Harmonisierung mit der Bundesgesetzgebung BöB, Elemente und Formulierungen nicht übernommen. Weiter sind einige Kantone bei den Zuschlagskriterien von der IVöB abgewichen.

Revision hat Kulturwandel bewirkt

Dennoch ist die Revision ein Erfolg. Die Umsetzung kommt rasch voran. Dies mag daran liegen, dass die eingeschlagene Richtung über Parteigrenzen hinweg Mehrheiten gefunden hat. Anderseits taucht dieses Politikfeld im Sorgenbarometer der Bevölkerung nicht auf. Es bleibt weitgehend den betroffenen Akteurinnen und Experten überlassen. Der föderale Charakter der Politik sowie fehlende einheitliche und vollständige Statistiken erschweren die Beantwortung der Frage, ob der Kulturwandel im Beschaffungswesen in der Praxis tatsächlich ankommt.

Vergabemonitor macht Kulturwandel sichtbar

Das Vergabemonitoring von Bauenschweiz wertet Publikationen der Ausschreibungsplattform simap.ch quantitativ nach Kriterien aus, die für den Kulturwandel in der Bauwirtschaft stehen. Ziel ist der Vergleich zwischen Bund und Kantonen hinsichtlich der für Bauenschweiz relevanten Branchen Baugewerbe sowie Ingenieur- und Architekturleistungen. Das Datenmodell wird laufend verbessert. Im ersten Quartalsbericht vom November 2022 wurden allgemeine Trends für zehn Indikatoren abgebildet.

Im eben publizierten Whitepaper wird ein Datenmodell präsentiert, das die jeweilige politische Ebene mit den unterschiedlichen Zeitpunkten des Inkrafttretens als Ausgangspunkt nimmt. Die Ergebnisse werden nach Branchen aufgeschlüsselt. Damit sind direkte Vergleiche möglich zwischen Bund und Kantonen.

Qualitätskriterien gewinnen auf Bundesebene an Bedeutung

Vor der Revision betrug der Anteil qualitativer Zuschlagskriterien für alle Bundesvergaben gemäss Bauenschweiz im Mittel 55 Prozent. Seither hat der Anteil um 11,3 auf 61,2 Prozent zugenommen. Während qualitative Zuschlagskriterien bei Architektur- und Ingenieurleistungen überdurchschnittlich hohe Bedeutung haben, überwiegen Preiskriterien im Baugewerbe auch nach der Revision. Die Zunahme fällt aber bei letzterem mit 18,9 Prozent am deutlichsten aus. Neu erfolgt die Berechnung der Indikatoren bereits auf Tagesebene, anstatt erst auf Quartalsebene. Für sämtliche Aufträge des Bundes ergeben sich dadurch leicht bessere Ausgangswerte von 3,0 Prozent (zuvor 1,9 Prozent) vor respektive 7,4 Prozent (5,5 Prozent) nach Inkrafttreten.

Mit dem neuen Modell wird sichtbar, dass die Bedeutung der Nachhaltigkeit seit Inkrafttreten des BöB für Teile der Bauwirtschaft markant zugenommen hat. Das revidierte Datenmodell wird ab der nächsten Ausgabe des Vergabemonitors angewendet. Ab dann werden auch die Kantone in der Reihenfolge des Inkrafttretens der Revision hinzukommen.

Weitere Informationen
www.bauenschweiz.ch

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